Das Laub der Bäume wird von den Windböen gegen den Strich gekehrt wie das Fell eines Tieres, statt grün zeigt es sich weiss und silbern, die Formen gezerrt und unruhig. Das Sonnenlicht ist scharf, agressiv auf der Haut und an den Augen. Das Licht ist so rein, dass alles deutlicher wird, Farben, Konturen, Flächen sind wirklicher, intensiver, näher, echter, und doch überzeichnet und surreal wie auf einer bearbeiteten Fotografie. Sogar das Grau und Schwarz von Wolken und Asphalt wird zur nuancenreichen, strahlenden Farbe. Nähe und Distanz ordnen sich im Bild der Aussicht neu, und die Luft hat plötzlich Körper und Substanz.
In den Bergen weiss man nie genau, ob ein Gewitter direkt heraufzieht, einen Umweg nimmt, oder es sich überhaupt anders überlegt. Manchmal kommt es von hinten, über den Berg, und man hat kaum Zeit, die Vorzeichen wahrzunehmen, geschweige denn, die finsteren Wolken kommen zu sehen. Manchmal habe ich schon alles in Sicherheit gebracht und beobachte von der Türschwelle aus, den Kopf schon zwischen die Schultern gezogen, wie es uns zu überrollen beginnt, aber es zieht nur ein paar hundert Meter weiter über den Wald, einer unsichtbaren Luftbarriere folgend, und legt sich über die Ebene.
Ein Schauspiel ist es, wenn die Gewitter sich über den vor mir ausgebreiteten Hügeln, Ebenen und Tälern entladen. Von Stelle zu Stelle, von Ort zu Ort, kann ich das Spiel von Licht und Dunkelheit, einzelnen grellen Sonnenflecken und schweren Wolkenschatten verfolgen. Auf der einen Seite ein Regenschleier, wie eine Glocke über einen Landstrich gestülpt, in der Mitte dräuende Scwärze und Blitze, und ein Stückchen weiter unberührte, strahlende Sommerlandschaft. Ich sehe, wohin es sich wendet, welchen Weg es nimmt. Wie es in einer Talsenke verschwindet, sie bedeckt, und darüber ist es hell und ruhig. Ich kann es beobachten, wenn die Aussicht verschwindet und pure Dunkelheit wie eine Wand auf mich zukommt, während sie Hügel um Hügel, Baum um Baum aus dem Panorama nimmt. Ist die Wand hell, fast weiss, bedeutet das nicht Gutes: sie besteht aus Hagel. Wenn ich das Unheil aus der Ferne betrachte und mich in Sicherheit wähne, kann vorkommen, dass es uns plötzlich aus einer anderen Richtung ereilt, und schon sind wir mitten im Hexenkessel.
Allerdings gibt es ein Warnsystem: wenn das alte Holz der Hauswände ohne spürbare Temperaturänderung zu knacken und zu ticken beginnt, kündigt sich eine Entladung an. Wenn die Krähen hinten am Hang sich unruhig gebärden und Warnschreie ausstossen, kann es heftig werden. Und plötzlich scheint alles Tageslicht verschwunden, die sprichwörtliche Stille vor dem Sturm kann sich anfühlen wie eine Druckwelle. Ein paar kalte, harte Tropfen, die Haut und Haus treffen wie Kieselsteine. Lichtblitz, Dunkelheit und Getöse, alles zugleich. Der donnernde Lärm des Wolkenbruchs trägt das Krachen der Entladungen, der Zeitabstand zu den Blitzen lässt sich nicht messen, ein Vorher, Nachher oder Zugleich ist nicht mehr nachvolziehbar. Kein Donnergrollen, ein hartes Scheppern, reissendes Krachen, explodierendes Knallen. Die Windböen bemühen sich, durch gesteigerte Wildheit zu dem Wahnsinn beizutragen. Langsam verebt die immense Geräuschkulisse zu leicht rauschendem Regen, dann ist es plötzlich ruhig und klar, bei beginnender Dunkelheit viel heller als zuvor. Entspannt, frisch, gelöst.
Im Dunkeln lässt sich das Wetterleuchten beobachten, ein Widerschein der Blitze, die oft schon hunderte von Kilometern entfernt sind. Wie ein rötliches Sperrfeuer liegen die Gewitter nun hinter den hohen Berggipfeln und erhellen eine andere Nacht.


